Es gibt wohl keinen Gitarristen, der den Sound des britischen Indie der 1980er Jahre mehr geprägt hat als Johnny Marr. Aus der Post-Punk-Landschaft Manchesters kommend, schrieb Marr im Alleingang das Regelwerk dessen neu, was ein Rockgitarrist tun sollte. Sein Ansatz zur Gitarre handelte nicht von fulminanten, Blues-basierten Soli oder aggressiven Power Chords; es ging darum, das sechssaitige Instrument wie ein ganzes Orchester zu behandeln.
Während seine Zeitgenossen auf Verzerrerpedale traten, um sich im Mix durchzusetzen, bog Marr scharf ab in komplexe, funkelnde Melodielinien, die perfekt mit der Rhythmusgruppe harmonierten und effektiv sowohl das melodische Gewicht als auch den harmonischen Antrieb einiger der einflussreichsten Songs der alternativen Musikgeschichte trugen.
Die Gegenrevolution: Keine Soli, nur Symphonie
Um den „Marr-Sound“ wirklich zu verstehen, muss man verstehen, was er nicht tat. In den frühen 1980er Jahren wurde die Rockgitarre von High-Gain-Showmanship dominiert. Marr hat das bewusst weggelassen und sich die strikte Regel auferlegt, auf Standard-Blues-Skalen und langatmige Soli zu verzichten. Stattdessen orientierte er sich an den klassischen Pop-Arrangements von Motown, Phil Spectors „Wall of Sound“ und dem Folk-Barock-Fingerpicking von Bert Jansch.
Seine Gitarrenlinien waren akribisch ausgearbeitete Puzzleteile. Er verwendete häufig invertierte Akkordformen, Suspended Chords und komplexe Arpeggien, die Noten übereinander klingen ließen. Indem er die Grundtöne vermied – oft dem Bassisten überließ –, schwebten Marrs Akkordvoicings nahtlos über der Musik und schufen eine offene, luftige Klanglandschaft, die dem Gesang Raum zum Atmen gab und gleichzeitig das Ohr des Zuhörers vollständig fesselte.
Die Kerngeräte: Klingende Ricks und bissige Offsets
Marrs charakteristische Klangsignatur ist eine absolute Meisterklasse im Layering, aufgebaut auf sehr spezifischen Instrumentenwahlen. Live und im Studio verließ er sich stark auf zwei verschiedene E-Gitarren, um sein Klangspektrum zu erreichen:
- Die Rickenbacker 330: Diese Halbresonanz-Ikone lieferte den hellen, klingenden Attack, der den frühen Indie-Pop definierte. Ihre High-Gain-Single-Coil-Tonabnehmer verliehen seinen Arpeggien eine perkussive, holzige Qualität, die das Frequenzspektrum durchdrang.
- Die Fender Jaguar: Bekannt für ihren markanten Offset-Korpus und die kürzere Mensur, bot die Jaguar einen schärferen, strafferen Biss. Ihre einzigartige Schaltmatrix und die hellen Single-Coil-Tonabnehmer ermöglichten es Marr, einen durchsetzungsfähigen, fokussierten Ton für schnellere, rhythmische Stücke zu finden.
Die Grundlage für diese Gitarren war immer ein makelloser, hochauflösender Clean-Ton. Marr schickte sein Signal häufig durch einen Roland JC-120 Jazz Chorus oder einen klassischen Blackface Fender Twin Reverb. Um dieses trockene Signal in eine üppige, unterwasserartige Klanglandschaft zu verwandeln, trat er auf einen Boss CE-2, ein klassisches analoges Chorus-Pedal, das das Stereobild verbreiterte und seinen charakteristischen Tracks eine subtile, wellenförmige Modulation verlieh.
Die Kunst des Studio-Layerings
Was auf einer Platte wie eine einzige massive Gitarre klang, war fast immer ein komplexes Geflecht von Overdubs. Marr war ein Studiomagier, der Mehrspuraufnahmen als kreatives Werkzeug betrachtete, anstatt nur eine Live-Performance zu dokumentieren.
Die Geheimwaffe: Um diese unglaublich dichte, schimmernde Textur zu erzielen, verwebte Marr akribisch Akustikgitarrenspuren mit Kapodaster unter seinen E-Gitarrenlinien.Indem er ein Kapodaster weit oben am Hals einer 12-saitigen Akustikgitarre anbrachte und dieselben Akkordfolgen aufnahm, fügte er den hohen Frequenzen einen ultrahellen, perkussiven „Glanz“ hinzu. Subtil unter seine Rickenbacker- oder Jaguar-Leads gemischt, erzeugte dies eine massive Klangwand, die für eine Standard-Indie-Band mit vier Mitgliedern live unmöglich zu reproduzieren schien. Es war nicht laut oder verzerrt – es war tief, komplex und wunderschön resonant. Heute bleibt dieses unverwechselbare Manchester-Jangle der grundlegende Bauplan für das alternative Gitarrenspiel.


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